Die Kunst des Geniessens
Aldo Sigel gehört zu den Urgesteinen der Tessiner Grotto-Wirte und propagiert, selbst ein renommierter Künstler, in seiner eigenwilligen Beiz die Verbindung zwischen Kunst und Gastronomie.
Grotto Lauro, Via Ceu 3, CH-6618 Arcegno
Das mit der Kunst zeigt sich schon bei der höchst individuell gestalteten Speise-Wein-Karte, wie sie in dieser Form nicht häufig anzutreffen ist. Doch die bekamen wir zunächst kaum zu Gesicht. Stattdessen eilte der Chef herbei und fragte nach unseren Wünschen, schlug dieses und jenes vor, liess uns wählen. Wir gingen vertrauensvoll auf alles ein. Also erst mal warmes Brot und köstlichen Salami. Und ein Blick durchs urig wirkende Lokal, in dem der Chef immer mal wieder aus der Küche in den Gastraum kam, um zu schauen, wer da war. Um nette Worte mit Stammgästen zu wechseln. Um alte Freunde zu begrüssen und neue zu gewinnen. Mit Gattin Ruth schauten wir derweil nach dem Wein, liessen uns weissen glasweise empfehlen - nicht gerade sensationell tiefgründig, aber okay - und fanden heraus, dass auf der Karte noch reichlich feine Flaschen verzeichnet sind. Allein die Erzeuger machten Lust aufs Bestellen. Chiodi, Giacosa, Firriato oder Avignonesi. Gute Namen, faire Preise. Und nur ja keine Beliebigkeiten!
Aber auch beim Essen standen Entscheidungen an. Zicklein oder Leber? Klar, Letztere! Wunderbar gegart und gewürzt. Da steht ein Könner in der Küche. Vorher aber bitte noch eine gemischte Antipasti-Platte. Mit Schinken, Melone, eingelegtem Gemüse, Kalb mit Thunfischsauce und allem Drum und Dran. Und Pasta? Aber ja, unbedingt. Auf der Karte standen Tagliatelle mit Gorgonzola oder mit Riesengarnelen, auch Spaghetti mit Bolognesesauce oder mit Tomaten waren verfügbar. Doch wir raten, unbedingt die hausgemachten Ravioli zu bestellen. So wie wir. Dünner Teig, aromatische Füllung auf der Basis von Kalbfleisch. Ausgezeichnet gemacht, hübsch angerichtet. Das schaffen in dieser Perfektion auch viele Gourmetrestaurants kaum bis gar nicht. Ob wir Polenta oder Risotto wollten zu unserem Hauptgang, wurden wir übrigens auch noch gefragt. Wir nahmen die Polenta und liessen uns nochmals von der Qualität der Küche überzeugen. Danach wäre übrigens noch Zeit, um sich an der Käseplatte oder den hausgemachten Desserts zu vergreifen. Kastanientorte, die berühmte Mascarpone «Lauro» oder hausgemachte Mousse? Aldo Sigel versteht es, seine Gäste auch beim letzten Gang zu begeistern. Eigentlich ist das ja die wahre Kunst - den Gast so rundum zufrieden gehen zu lassen, dass er sofort ans Wiederkommen denkt.